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Schade, dass die Debatte über Familiennachzug im Bundestag nach den altbekannten Mustern verlief. Hier die Befürworter einer festen zahlenmäßigen Obergrenze, dort die Verfechter eines nahezu unbeschränkten Zuzugs von Ehefrau und Kindern. Dabei liegt der Kern des Problems ganz woanders: In der Ungewissheit, welche Flüchtlinge wie lange in Deutschland bleiben. Denn klar, dass zu einer gelungenen Integration die schnelle Zusammenführung der Familien gehört. Doch wer schon nach einem halben oder einem Jahr wieder abgeschoben werden müsste, sollte in dieser Zeit auch allein ganz gut zurechtkommen.

Zu Schlüsselfragen werden damit die zügige Entscheidung über Asylanträge sowie gegebenenfalls die anschließend ebenso zügige Rückführung der Abgelehnten in ihre jeweiligen Herkunftsländer. Je früher alle Akteure wissen, woran sie sind, desto berechenbarer und letztlich auch humaner kann das Thema Familienzusammenführung geregelt werden.

Im einen Fall verlieren die chancenlosen Flüchtlinge keine Zeit durch vergebliches Warten in Deutschland. Und deren Familien wissen, dass sie nur in ihrer bisherigen Heimat eine gemeinsame Zukunft haben können. Im anderen Fall verspielt Deutschland nicht die Chance einer möglichst reibungslosen Integration. Denn gerade Menschen in Not, die Schlimmes erlebt haben, brauchen familiären Rückhalt. Daher wäre es unklug, ihnen hier das baldige Zusammenleben mit Frau und Kindern zu verwehren – von humanitären Aspekten einmal ganz abgesehen.

Hinzu kommt die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz. Es ist kaum vermittelbar, dass die Steuerzahler für Familienangehörige von Menschen zahlen sollen, die sich unberechtigt oder auch nur sehr befristet in Deutschland aufhalten. Dafür gibt es viel zu viele Bundesbürger, die selbst in großen sozialen und finanziellen Schwierigkeiten stecken.

Damit keine Ausländerfeindlichkeit gefördert wird, muss jeder Anschein von Missbrauchsmöglichkeiten vermieden werden. Andernfalls droht eine fatale Verteilungsdebatte nach dem Motto: Jeder Euro für unnötig nachgeholte Familienangehörige von Flüchtlingen ist ein Euro weniger für einheimische Bedürftige. Insofern kann die jetzt im Bundestag beratene Regelung nur ein Notbehelf sein, bis das eigentliche Problem gelöst ist: Die zu lange Dauer von Asylverfahren und die zu hohe Zahl von Menschen, die trotz abgelehnter Anträge – aus welchen Gründen auch immer – nicht zügig abgeschoben werden.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)