Die Reaktionen der anderen Parteien auf die Kür von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten sind so vielstimmig wie das Votum der SPD einmütig war. Doch leider ist der normale Wahlbürger nach all dem Getöse auch nicht schlauer als zuvor. Schulz als Person sorgt zwar für Euphorie bei den Genossen. Sein Programm bleibt trotz blumiger Worte aber weiterhin höchst nebulös – um es noch freundlich zu formulieren.

Gleichwohl darf sich die Union nicht damit begnügen, Schulz inhaltlich stellen zu wollen. Viel wichtiger ist, dass CDU und CSU endlich eine eigenständige und überzeugende Botschaft  präsentieren, wie sie die Republik in den kommenden Jahren weiter regieren wollen. Hier hat die Union noch reichlich Nachholbedarf.

Dies gilt auch für Angela Merkel. Die Kanzlerin widmet sich derzeit mit Ruhe und Souveränität ihren Amtsgeschäften. Dass eine Bundestagswahl bevorsteht, wird bei ihr kaum spürbar. Ist dies geschickte Taktik oder doch vielleicht Indiz für eine gewisse Müdigkeit nach so langer Regierungszeit?

Dagegen hat die SPD durch den Wechsel im Parteivorsitz einen riesigen Motivationsschub erhalten. Und das Ergebnis der Kandidatenkür sorgt noch einmal für zusätzlichen Schwung bei den Mitgliedern. Diese positive Stimmung wird den sozialdemokratischen Wahlkampf an der Basis beflügeln. Und sie droht aus Sicht der Union auf die Wähler überzuschwappen. Denn Erfolg macht attraktiv – ein Vorteil, den die Sozialdemokraten sehr lange Zeit nicht mehr hatten.

Gewiss, noch ist es ein halbes Jahr bis zum Wahltag im Bund. Aber die demonstrative Gelassenheit etwa von CDU-Generalsekretär Tauber ist riskant. Denn allein der Amtsbonus von Merkel wird nicht reichen, um die SPD zu schlagen. Die Union insgesamt muss sich kräftiger ins Zeug legen. Dazu müssen deren Mitglieder jedoch bald ähnlich positiv für den Wahlkampf motiviert sein wie jetzt bereits die Genossen der SPD. Dies wird mit jedem weiteren Tag voller Schulz-Festspiele schwieriger.

Hinzu kommt der ungewisse Ausgang der Landtagswahlen Ende März im Saarland sowie im Mai in Schleswig-Holstein und NRW. Erleidet die CDU dort Rückschläge, dürfte es noch schwerer werden, die Mitglieder derart zu mobilisieren und begeistern, dass sich die Wähler im Bund davon anstecken lassen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)