Carles Puigdemonts Weigerung, der Vorladung des Madrider Staatsgerichts zu folgen, ist ein schwerer Fehler. Der abgesetzte katalanische Ministerpräsident hat damit den letzten Rest an persönlicher Glaubwürdigkeit verspielt. Statt in der Höhle der Löwen offensiv für die juristischen Folgen seines Handelns einzustehen und die Motive der Unabhängigkeitsbewegung zu begründen, flüchtet er sich in Tagträume.

Nichts anderes sind seine Hoffnungen auf Hilfe durch die EU. Sie könnten schon bald in Handschellen enden – welch klägliches Finale für den glücklosen Exchef einer der reichsten Regionen Europas. Denn klar ist: Belgien darf und kann Puigdemont nicht vor der spanischen Justiz schützen, wenn diese ihn wegen Rebellion und Veruntreuung öffentlicher Geld per Haftbefehl sucht. Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung steht damit vor einem politischen Scherbenhaufen. Sie hat den großen Showdown mit Madrid riskiert und verloren.

Gleichwohl gibt es für die spanische Zentralregierung keinen Grund zum Jubeln. Denn die Probleme, die zu der massiven Entfremdung in Katalonien geführt haben, sind durch Puigdemonts Scheitern nicht gelöst. Im Gegenteil, alte Wunden wurden vertieft und neue aufgerissen. Dem Drama von Barcelona droht eine spätere und umso heftigere Wiederaufführung – mit neuen Akteuren, aber mit den alten Argumenten, wenn Madrid jetzt keine nationale Versöhnungsstrategie verfolgt.

An dieser Stelle kommt auch die EU wieder ins Spiel. Sie sollte politisch mäßigend auf Spaniens Führung einwirken, um den Zusammenhalt des Landes mit mehr Fingerspitzengefühl zu wahren. Dabei muss jedoch stets klar bleiben, dass es sich hier um einen Rechtsstaat handelt. Denn so unklug sich Madrid über viele Jahren gegenüber Katalonien auch verhalten hat: Ein eventueller Prozess gegen die katalanischen Separatisten dürfte weitaus fairer verlaufen, als Puigdemont jetzt den Eindruck erweckt.

Dies beweist allein schon das jüngste Erscheinen seines Stellvertreters Oriol Junqueras und anderer Exminister zur Anhörung vor dem Madrider Gericht. Sie alle folgen damit den verfassungsmäßigen Spielregeln, auch wenn ihnen deswegen Haft droht. Bedauerlich nur, dass diese Rückbesinnung auf Recht und Gesetz so spät geschieht. Es wäre viel Unheil vermieden worden, hätten sich sämtliche Verfechter Kataloniens von Anfang so verhalten.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)