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Der Deutschlandbesuch von Recep Tayyip Erdogan bietet die Chance, das Verhältnis zur Türkei neu zu ordnen. Das ist nach den Verwerfungen der jüngsten Vergangenheit auch dringend notwendig. Immerhin ist der Staat am Bosporus ein wichtiger Handelspartner und Verbündeter in der NATO sowie das Herkunftsland von Millionen Einwanderern. Doch darf bei alldem nicht vergessen werden, dass allein Erdogan für das schlechte Klima zwischen Berlin und Ankara verantwortlich ist – siehe die vielen Willkürmaßnahmen und Menschenrechtsverletzungen in der Türkei sowie die unsäglichen Nazi-Vergleiche des Präsidenten an die Adresse deutscher Politiker.

Insofern ist es verständlich, dass Erdogan bei seiner Ankunft auf dem Berliner Flughafen Tegel gleich mit Protesten von „Reporter ohne Grenzen” empfangen wurde. Der Gast aus Ankara darf nicht dem Irrglauben verfallen, mit ein paar netten Worten seien alle Willkürmaßnahmen, Verhaftungen und verbalen Entgleisungen vergessen und Deutschland warte nur darauf, ihm mit Freude und viel Geld aus seiner selbstverschuldeten Währungskrise zu helfen.

Erdogan teilt bekanntlich gegen vermeintliche und tatsächliche Gegner kräftig aus. Entsprechend muss mit ihm selbst auch verfahren werden. Dieser Staatschef versteht nur die Sprache der Stärke.

Gleichwohl ist es besser, die jeweiligen Regierungen würden wieder ernsthaft miteinander reden Es hat den Anschein, dass Erdogan dies mit seinem Besuch in Deutschland erreichen möchte, um eine wirtschaftliche und währungstechnische Destabilisierung seines Landes zu vermeiden. Offenkundig sorgt sich der Präsident vor wachsenden Unmut in der Bevölkerung und damit um seine Machtgrundlage. Dies ist für die deutsche Seite eine gute Voraussetzung, um bei den jetzigen Gesprächen auf Verbesserungen insbesondere bei den Menschenrechten zu drängen.

Erst wenn Erdogan seinen bisherigen antidemokratischen Kurs korrigiert, darf es zu einer echten Normalisierung der Beziehungen kommen. Wie realistisch eine solche Wende zum Positiven ist, mag dahin gestellt sein. Eine Alternative dazu gibt es aus deutscher Sicht nicht. Solange Erdogan sein Land weiter mit harter und brutaler Hand regiert, sollte er für alle Mitglieder der Europäischen Union im außenpolitischen Abseits bleiben – von einer eventuellen späteren Mitgliedschaft in der EU ganz zu schweigen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)