Der sensationelle Erfolg für die Bewegung von Emmanuel Macron im ersten Durchgang der französischen Parlamentswahlen ist gewiss eine gute Nachricht für die EU. „La République en Marche“ verspricht eine tiefgreifende Modernisierung des Landes und neuen Schwung bei der europäischen Einigung. Gleichwohl wirken die Lobgesänge der großen Berliner Parteien auf Macron und den Wahlausgang etwas seltsam. Kaum ein Wort zum verheerenden Abschneiden der eigenen Schwesterparteien und zur extrem geringen Wahlbeteiligung.

Dabei hätten SPD und Union durchaus Grund, auch selbstkritisch auf Macrons Siegeszug zu reagieren. Denn viele Ursachen der französischen Krise finden sich in anderer Form fast überall im Westen, auch in Deutschland: Migrationsprobleme, Modernisierungsängste, das Gefühl von Bürgern, die Politik habe sie vergessen und sei zum bloßen Projekt von Eliten verkommen. In Frankreich waren Bürgerliche und Soziallisten unfähig, auf eine solche Gemengelage angemessen zu reagieren. Sie klammerten sich an alte Strukturen, hielten sich für unersetzlich und bekommen dafür jetzt eine Quittung, die einem politischen Totenschein gleicht.

Niemand in Deutschland sollte sagen, hier sei Vergleichbares ausgeschlossen. Man schaue nur um sich. Vielerorts ändern sich die politischen Grundkoordinaten in atemberaubendem Tempo – siehe USA, Großbritannien oder jetzt Frankreich. Konservative und sozialdemokratische Gesellschaftsmodelle verlieren ihre scheinbare Ewigkeitsgarantie. Auch sie können vom Wähler gnadenlos hinweggefegt werden. Und nicht immer steht dann ein so seriöser Retter wie Macron vor der Tür. Es könnten auch ganz andere, weniger demokratische Gestalten sein.

Union und SPD sollten daher selbstkritisch aus den Fehlern der Verlierer in Frankreich lernen. Dauerhafte gegenseitige Blockade, Reformunfähigkeit, weltfremdes und selbstgerechtes Oberlehrergehabe – selbst Ansätze davon müssen bei Strafe des eigenen Untergangs vermieden werden. Und gleichzeitig heißt es, weiter offen auf den neuen Präsidenten zuzugehen und ihn nach Kräften zu unterstützen. Dies gilt vor allem für die von Macron angestrebte Stärkung Europas und der Euro-Zone. Das kann zwar teuer werden. Aber jeder Fortschritt hier verhindert demokratische Rückschritte andernorts. Und die wären ungemein teurer.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)