Der Kampf um Aleppo ist an Grausamkeit und Menschenverachtung kaum zu überbieten. Und was macht Europa? Es schaut mehr oder minder tatenlos zu. Rettung für die eingeschlossenen Zivilisten ist nicht in Sicht, wie das jüngste Treffen von Außenminister Steinmeier mit seinem russischen Kollegen Lawrow einmal mehr bestätigt hat. Dass es auch anders geht, haben die Kurden in der jetzt eroberten Stadt Manbidsch gezeigt. Sie setzen auf eine militärische Lösung – mit Erfolg. Die vom Terror des Islamischen Staats befreiten Menschen danken es ihnen von Herzen.

Aber der Siegeszug der Kurden birgt auch immensen politischen Sprengstoff. Denn klar ist: Die Kurden werden eines nicht fernen Tages die Rechnung für ihre militärischen Leistungen einfordern. Sie besteht aus Autonomie bis hin zu einem eigenen Staat. Doch so berechtigt dieser Wunsch politisch-historisch auch sein mag: insbesondere für die türkische Regierung ist dies eine Horrorvorstellung. Sie fürchtet um die Einheit des Landes, wenn die türkisch-kurdische Rebellengruppe PKK weiter Auftrieb bekäme. Und fraglos würden derer Rufe nach mehr Eigenständigkeit noch kräftiger, wenn sich in der Nachbarschaft ein neues staatliches Gebilde unter kurdischer Flagge bilden könnte.

Noch ist dies Zukunftsmusik. Aber sie wird mit jedem Sieg kurdischer Einheiten gegen den IS lauter. Hier werden militärische Fakten geschaffen, an denen die Diplomatie später nur schwer vorbeikommt. Und selbst wenn die internationale Staatengemeinschaft und insbesondere die unmittelbar betroffenen Nationen wie bisher einen eigenen kurdischen Staat ablehnen sollten – was wahrscheinlich ist -, dann bleibt doch das veränderte militärische Kräfteverhältnis. Diejenige Kämpfer, die jetzt siegreich und schwerbewaffnet gegen den IS vorrücken, könnten eines Tages auch andere Ziele – sprich die Gegner einer kurdischen Selbstständigkeit – ins Visier nehmen. Entsprechend verhalten ist in vielen Hauptstädten die Freude über kurdische Erfolge gegen den IS.

Doch diese Angst vor Veränderung der nahöstlichen Landkarte darf kein Grund sein, Millionen Menschen weiter grausam dem Terror der Islamisten auszuliefern. Man kann deshalb nur hoffen, dass Steinmeier beharrliches Drängen auf eine sofortige Waffenruhe wenigstens in Aleppo endlich Erfolg hat. Das ist absolut vorrangig. Über alle anderen Fragen sollte erst danach verhandelt werden.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)