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Niemand in Großbritannien sollt sagen, er sei von den Auswirkungen eines Brexit überrascht worden. Selbst das Cabinet Office, das gewiss nicht im Verdacht von Nähe zur Opposition steht, hat jetzt vor chaotischen Zuständen gewarnt. Die dortigen Beamten, die den Premier und seine Minister beraten, befürchten Mangel an Lebensmitteln, Medikamenten und Benzin – Zustände, die an die unmittelbare Nachkriegszeit erinnern.

Heißt es künftig auf dem Kontinent: Bitte spendet für die Briten? Sieht so der vielzitierte Traum von einem EU-freien, stolzen, vollständig souveränen Königreich aus? Es wird höchste Zeit, das auf der Insel wieder Augenmaß und der gesunde Menschenverstand die Oberhand gewinnen.

Doch leider sieht es momentan noch nicht danach aus. Denn was nützen die eindringlichsten Warnungen aus dem Regierungsapparat, wenn die Verantwortlichen sie einfach nicht hören wollen. Und wenn gleichzeitig das Unterhaus mit Jeremy Corbyn unglücklicherweise den unfähigsten Oppositionsführer der letzten Jahrzehnte in seinen Reihen hat.

Statt ein breites parlamentarisches Bündnis gegen den Brexit im Allgemeinen und Premier Boris Johnson im Besonderen zu schmieden, versucht Corbyn sich persönlich und seine Labour Partei an die Macht zu tricksen. Dieses Manöver ist ein historischer Fehler, weil es die Reihen der EU-Anhänger noch mehr spaltet.

Außerdem droht auf diese Weise das Unterhaus de facto ausgeschaltet zu werden. Denn wenn sich die Abgeordneten weiter selbst blockieren, bekommen die Brexit-Hardliner freie Hand. Nicht nur für den Speaker des Unterhauses, der heftigste Gegenwehr verspricht, wäre ein solcher Niedergang der ehrwürdigen „Mutter der Parlamente“ eine nationale Katastrophe.

Trotz allem Bedauern, ja Mitleid: den britischen Freunden in Europa sind die Hände gebunden. Die Vertragsverhandlungen sind beendet, juristisch verbindliche Änderungen können aus sachlichen und zeitlichen Gründen nicht mehr erfolgen. Dieser Zug ist für die Briten abgefahren. Aber sie haben immer noch die Möglichkeit, die waghalsige Reise ins Ungewisse grundsätzlich abzusagen. Der Bericht des Cabinet Office sollte Grund genug sein, hierüber noch einmal in London neu nachzudenken.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)