Die jetzt bekannt gewordenen Pläne der CSU zur Flüchtlingspolitik sind Sprengstoff für die Union. Dies gilt weniger für die inhaltlichen Details. Was vor allem zählt ist die generelle Botschaft an die Wähler insbesondere in Bayern: Mit dem Kurs dieser Kanzlerin wollen wir nichts zu tun haben. Selbst zum CSU-Parteitag Anfang November soll Angela Merkel möglicherweise nicht mehr kommen dürfen. Dies wäre ein zusätzlicher Affront. So oder so, der Konflikt zwischen den beiden Schwesterparteien spitzt sich immer mehr zu.

Dabei wäre genau das Gegenteil vernünftig: Solidarität und Schulterschluss mit der Kanzlerin – zumindest nach außen hin. Denn auch die Wähler in Bayern nehmen die CSU nicht isoliert sondern als Teil einer Union wahr. Sieht Horst Seehofer dies anders? Will er etwa die Anhänger Merkels in seinem Bundesland ausgrenzen? Das wäre abenteuerlich, zumal sich Selbstbewusstsein und Alleinstellungsmerkmal der CSU ganz wesentlich aus ihrem bundespolitischen Gewicht herleiten. Und dies wiederum hängt von Merkel und ihrer Funktion als jetzige und vielleicht auch künftige Kanzlerin ab. Seehofer und seine Truppe sollten daher alles daran setzen, dass es bei dieser Machtposition gemeinsam mit der CDU für längere Zeit bleibt.

Niemand will und kann der CSU das Recht auf eigene Schwerpunkte in der Flüchtlingspolitik absprechen. Aber es gibt Grenzen. Dauernd getrennt argumentieren und dann gemeinsam regieren wollen: Das wird nicht funktionieren. Zumindest das Bemühen um Konsens sollte für die Wähler zu erkennen sein.

Das jetzt bekannt gewordene Flüchtlingskonzept des CSU-Vorstands setzt stattdessen auf Konfrontation. Denn die jeweiligen Forderungen mögen im Einzelnen inhaltlich noch so diskussionswürdig sein, in ihrer Gesamtschau zeigen sie indes eine bedenkliche Nähe zur AfD. Deren aktuelle Erfolgswelle lässt sich jedoch nicht mit Anbiederung oder Stammtischparolen stoppen. Seehofers Partei ist kurz davor, mit diesem fatalen Irrtum in den bevorstehenden Bundestagswahlkampf zu ziehen.

Noch ist Zeit, einen Kompromiss zwischen CDU und CSU in der Flüchtlingspolitik zu finden. Aber dafür sollten sich die Christsozialen schon ein Stück weit zurücknehmen. Sie sind wichtig, aber nicht das Machtzentrum der Republik. Das liegt weiterhin im Kanzleramt.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)