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Die amerikanische Demokratie ist über 200 Jahre alt. Ihre Selbstheilungskräfte sind legendär. Politische Gewaltenteilung und Pressefreiheit haben das Land immer wieder aus schweren Krisen herausgeholfen. Justiz und Medien stehen auch jetzt wieder an vorderster Front, um die Nation vor dem Schlimmsten zu bewahren – Betrug an den Wählern, Korruption und systematischer Machtmissbrauch.

Die Erfolgschancen sind leider vage, obwohl immer ungeheuerlichere Vorwürfe und Verdächtigungen gegen den amtierenden Präsidenten im Raume stehen. Denn dass Donald Trump – wie die New York Times aktuell berichtet – sein Vermögen auf Lüge und Steuerbetrug gründen soll, dürfte kaum noch jemanden überraschen, ebenso wenig wie seine Verhöhnung eines mutmaßlichen Missbrauchsopfers. Das eigentlich Neue und dramatisch Schlimme: Trumps Anhängern scheinen diese Punkte völlig egal zu sein. Sie jubeln ihrem Idol bei Auftritten zu, die bei jedem seiner Amtsvorgänger undenkbar gewesen wären.

Frühere Präsidenten waren zwar keinesfalls immer anständig und integer. Aber sie besaßen in der Regel ein gewisses Schamgefühl bei öffentlichen Auftritten und ein Mindestmaß an Respekt vor den Werten der amerikanischen Verfassung. Kurzum, sie wussten, was sich als Präsident gehört und hielten sich zumindest äußerlich daran.

Dass ehemalige Präsidenten im Verborgenen – wie etwa Richard Nixon im Fall Watergate – auch mal das Gegenteil versuchten, ändert nichts an diesem Befund. So zeigen Nixons Vertuschungsversuche, dass er sehr wohl zwischen Recht und Unrecht, zwischen Moral und Machtmissbrauch zu unterscheiden wusste. Und er fürchtete bei Bekanntwerden eine Abstrafung durch Kongress und Öffentlichkeit. Genauso ist es dann ja auch gekommen. Nixon musste am Ende zwar als freier Mann, aber mit Schimpf und Schande das Weiße Haus vorzeitig verlassen.

Davon ist Trump momentan noch weit entfernt. Erstens schützen ihn die Mehrheitsverhältnisse im Kongress, der über eine Amtsenthebung entscheiden müsste. Zweitens sind die Vorwürfe gegen Trump bislang nicht gerichtsfest. Und drittens – am wichtigsten – profitiert der Präsident von einem generellen Klima der Wut und der Vorurteile, demzufolge mittlerweile fast alles erlaubt scheint. Damit nähert sich die politische Kultur in den USA einem historischen Tiefpunkt, an dem auch die demokratischen Selbstheilungskräfte allmählich an ihre Grenzen stoßen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)