Gewiss ist es bedauerlich, dass Wolfgang Schäuble nicht Finanzminister bleibt. Seine Bilanz und seine Beliebtheitswerte hätten positiver kaum sein können. Da hätte es der Kanzlerin gut angestanden, ihren wichtigsten Mann im Kabinett zu halten – allen Begehrlichkeiten der möglichen kleineren Koalitionspartner in Richtung Finanzressort zum Trotz.

Doch auch als neuer Bundestagspräsident kann Schäuble kaum weniger wichtig und einflussreich als in seinem bisherigen Amt werden. Erstens gilt es, parlamentarischen Stil und demokratische Werte gegenüber Provokationen der AfD zu behaupten. Und zweitens vermag ein Bundestagspräsident als „zweiter Mann im Staat“ die politische Kultur durch Reden und persönliches Vorbild stark mitzuprägen.

Für beide Aufgaben ist Schäuble bestens geeignet. Dies zeigt einmal mehr seine Antrittsrede, in der er unter Hinweis auf seine eigene Abgeordnetentätigkeit für Fairness und Gelassenheit warb. Dass er selbst beides erfolgreich praktizieren wird, dürfte außer Frage stehen.

Der neue Bundestagspräsident verfügt über immense parlamentarische Erfahrung, und seine persönliche Autorität ist in allen Parteien unbestritten. Hinzu kommt die Fähigkeit, schwierige Situationen auch mal mit einer humorvollen Bemerkung vor großem Publikum zu entkrampfen. Dies kann verbinden und versöhnen. Schäubles Vorgänger Norbert Lammert hat in dieser Hinsicht Maßstäbe gesetzt.

Ein Vorgeschmack auf den künftigen Ton im Bundestag bietet leider das Tauziehen um die Kandidatur des AfD-Abgeordneten Albrecht Glaser für das Amt des Vizepräsidenten. Jeder wusste, wie umstritten Glaser durch seine Äußerung ist, dem Islam das Grundrecht auf Religionsfreiheit zu entziehen. Entsprechend ungeeignet wäre er für ein Amt, das in besonderem Maße auf persönliche Reputation und Glaubwürdigkeit angewiesen ist. Dass die AfD trotzdem an Glasers Kandidatur festhielt, war ein bewusster Affront.

Dabei schert sich die Partei nicht um das Amt oder um Glaser als Person. Ihr alleiniges Ziel ist mediale Aufmerksamkeit, indem sie sich als Opfer eines angeblichen parlamentarischen Machtkartells der anderen Parteien inszeniert. Ähnliche Versuche, in eine Märtyrerrolle zu schlüpfen, dürften folgen. Wie im Fall Glaser ist der Bundestag gut beraten, dann ebenfalls eine klare Kante gegen rechte Verschwörungstheoretiker zu zeigen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)