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Die Studie der Bertelsmann-Stiftung zum wachsenden Populismus kommt für die etablierten Parteien wie gerufen. Sie sehen sich durch die Erfolge der rechten AfD massiv bedroht. So muss etwa die CSU bei der bevorstehenden Landtagswahl in Bayern massive Stimmverluste befürchten. Das Rezept ihres Vorsitzenden Horst Seehofer gegen den befürchteten Niedergang: Größtmögliche Härte und noch mehr Populismus in der Asyl- und Flüchtlingspolitik. Genutzt hat es der CSU bislang nicht. Sie steht schlechter denn je da.

Umso vernünftiger wäre es für die Christsozialen und alle anderen Demokraten, dem Rat der Bertelmann-Wissenschaftler zu folgen und sich wieder auf mehr Haltung und Sachlichkeit in der Auseinandersetzung zu besinnen. Denn in einen Wettbewerb um die wirksamste populistische Parole können die etablierten Parteien bloß verlieren. Erstens würden sie diese fatale Form von Politik damit nur aufwerten. Und zweitens ziehen Bürger im Zweifel ohnehin lieber das Original vor – sprich Parteien wie die AfD. Wer nachmacht, hat das Nachsehen. Dies hat die jüngste Studie erneut bestätigt.

Vor diesem Hintergrund sollten sich große Parteien wie die Union und die SPD wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren: Solide Sacharbeit leisten, für die eigenen Grundwerte gerade stehen und praktikable Lösungen für diejenigen Probleme präsentieren, die den Bürgern tatsächlich unter den Nägeln brennen. Dazu gehört auch die Flüchtlings- und Asylthematik, die gefährlich lange verharmlost oder schöngeredet wurde. Die Rechtspopulisten freuen sich jeden Tag über dieses Versagen ihrer Gegner.

Gewiss, Berlin ist nicht Weimar. Und dass laut der Bertelsmann-Studie 71 Prozent der Wahlberechtigten keinesfalls für die AfD stimmen würden, mag auf den ersten Blick beruhigend wirken. Aber was ist mit den übrigen 29 Prozent? Würden sie am Ende alle bei Gauland, Höcke und Co. landen, sähe diese Republik völlig anders aus. Das bewährte Demokratiekonzept des Grundgesetzes wäre in großer Gefahr.

Noch haben die bisherigen Volksparteien die Chance, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden. Viel Zeit verbleibt ihnen aber nicht mehr, wie ihr Sinkflug bei den letzten Wahlen und den aktuellen Umfragen zeigt.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)