Jeder spricht von Syrien. Doch auch im benachbarten Irak stehen die Zeichen jetzt wieder auf Sturm. Die Offensive der irakischen Armee und ihrer Verbündeten zur Rückeroberung der Großstadt Mossul könnte das Herrschaftsgebiet des Islamischen Staats dramatisch verkleinern – aber der Preis ist hoch. Hundertausende weiterer Flüchtlinge sind zu erwarten. Und die IS-Terroristen würden bei einer Niederlage gewiss nicht einfach aufgeben sondern unterzutauchen versuchen, die Anschlagsserien im Ausland verstärken und wie die Taliban in Afghanistan auf die langfristige Zermürbung ihrer Gegner setzen.

Europa muss sich rasch auf diese neue Herausforderungen einstellen. Dies betrifft zunächst das Thema Flüchtlinge. Für alle Beteiligten ist es besser, die notleidenden Menschen könnten in der Nähe ihrer Heimat auf Rückkehr warten, als dass sie sich auf den Weg in die EU machen. Deshalb muss die humanitäre Hilfe in der Region deutlich ausgeweitet werden, zumal der Winter vor der Tür steht.

Langfristig fast noch wichtiger sind Bemühungen, eine stabile Nachkriegsordnung zu schaffen. Denn was nützt die Eroberung einer Stadt wie Mossul, wenn die Sieger anschließend keinen geordneten und friedlichen Neuanfang organisieren können? Hier liegt der Kern des Problems. Und an dessen Lösung müssen die Europäer schon aus eigenem Interesse mit Hochdruck mitarbeiten.

Entscheidend wird sein, die unterschiedlichen Bevölkerungsteile miteinander ins Gespräch zu bringen – nicht nur beim gemeinsamen militärischen Feldzug sondern auch bei der anschließenden Neuordnung des zivilen Lebens. Die Amerikaner haben in dieser Hinsicht bei ihrem Eingreifen in Afghanistan und im Irak bitteres Lehrgeld gezahlt. Ihre Bilanz: Feind besiegt, Vertrauen der Bevölkerung verloren, Stabilität des Landes verfehlt. Das darf sich jetzt nicht unter anderen Vorzeichen wiederholen.

Fazit: Mossul muss vom IS-Terror militärisch befreit werden. Deshalb ist die Offensive der irakischen Streitkräfte und ihrer Verbündeten gerechtfertigt. Niemand erwartet glücklicherweise von der EU ein militärisches Engagement. Umso stärker sollten sich die Europäer aber verpflichtet fühlen, ihre politischen und wirtschaftlichen Ressourcen für den Schutz und die Zukunft der Zivilbevölkerung einzusetzen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)