Von einer Friedensnobelpreisträgerin darf man mit Fug und Recht erwarten, dass sie Völkermord und massive Menschenrechtsverletzungen beim Namen nennt und verurteilt. Dies gilt erst recht, wenn diese Verbrechen in ihrer Heimat verübt werden. Aung San Suu Kyi hat dies nicht getan. In ihrer viel zu spät erfolgten Fernsehansprache fand Myanmars De-facto-Regierungschefin keine klaren Worte zur Flucht von über 400.000 Muslimen ins benachbarte Bangladesch.

Im Klartext: Die Situation der Rohingya wird sich zumindest kurzfristig nicht verbessern. Damit entwickeln sich die schrecklichen Vorgänge im Bundesstaat Rakhine vollends zu einer menschlichen, politischen und moralischen Tragödie schlimmsten Ausmaßes.

Aung San Suu Kyi mag aus ihrer Sicht wichtige Gründe für ihre zögerliche Haltung haben, etwa Rücksichtnahme auf das weiterhin mächtige Militär. Das müssen letztlich sie selbst und ihre Wähler beurteilen. Dies ändert jedoch nichts am dramatischen internationalen Ansehensverlust der einst so gefeierten Ikone der Demokratie. Wer den Friedensnobelpreis annimmt, muss sich eben strengeren Maßstäben unterwerfen als ein x-beliebiger Politiker. Aung San Suu Kyi hat diese Probe vor der Weltöffentlichkeit nicht bestanden. Und das Osloer Preiskomitee muss sich im nachhinein die Frage gefallen lassen, ob es im Jahr 1991 mit der Dissidentin aus Myanmar tatsächlich die richtige Wahl traf.

So tief der politisch-moralische Absturz von Aung San Suu Kyi auch sein mag: Viel wichtiger ist jetzt das Schicksal der geflüchteten Rohingya. Bangladesch kann diesen Menschen nicht allein helfen. Es braucht breite internationale Unterstützung – humanitär, finanziell und auch politisch im Sinne einer dauerhaften Lösung. Letztere sollte auf eine gesicherte Rückkehr der Rohingya in ihre Heimat hinauslaufen – mit vorheriger Bestrafung der Täter, materieller Entschädigung der Opfer und einer von der UNO garantierten Selbstverwaltung.

Zuallererst aber müssen Myanmars tatsächliche Machthaber – sprich Generale – den Beobachtern der Vereinten Nationen freien Zugang in die Konfliktgebiete ermöglichen. Sonst ist zu befürchten, dass die ethnischen Säuberungen unvermindert weitergehen. Dies wäre auch der völlige moralische Bankrott der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)