Noch sitzt der Schrecken über den Wahlsieg von Donald Trump tief. Wird der künftige Präsident der USA die Nation weiter spalten, so wie er das im Wahlkampf getan hat? Die ersten Personalentscheidungen zeigen, dass Trump wohl selbst noch nicht genau weiß, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Angesichts der üblen Vorgeschichte ist dies immerhin ein kleiner Hoffnungsschimmer.

So spricht die Nominierung von Reince Priebus zum Stabschef für Trumps Wunsch, Brücken zum Kongress und damit zum zuvor verteufelten Washingtoner Establishment zu bauen. Dagegen steht die Aufwertung des Rassisten Steve Bannon zum Chefberater. Eine solche Konstellation kann nicht lange gut gehen. Trump muss sich entscheiden, was er als Präsident sein will: wild gewordener Populist oder halbwegs realistischer Politiker.

Nimmt man allein seine radikalen Äußerungen aus dem Wahlkampf, ist die Antwort klar. Doch die Wirklichkeit in Washington ist kompliziert. Da muss auch ein Präsident mit den Parlamentariern Kompromisse schließen und Bündnisse schmieden. Sonst macht ihm der Kongress einen Strich durch viele Rechnungen. Und es wird dann im Weißen Haus recht einsam für einen Präsidenten.

Eben dies eröffnet die Chance, dass Trumps Amtszeit vielleicht doch nicht zum befürchteten totalen Desaster wird. Denn eines ist Trump ganz sicher: über alle Maßen eitel und ehrgeizig. Er möchte unbedingt Erfolg haben und nicht als gescheiterte Witzfigur oder abstruser Betriebsunfall in die Geschichte eingehen. Unter diesem Gesichtspunkt könnten bei Trump Ideologie und Vorurteile zumindest teilweise in den Hintergrund treten, sobald sie ihm zu riskant und nachteilig erscheinen.

Daher heißt es erst einmal abzuwarten. Denn am Ende zählt nur, was Trump in Kenntnis aller Umstände tatsächlich beabsichtigt und auch durchsetzen kann. Und dies wird erst nach Amtsantritt im neuen Jahr feststehen. Bis dahin sollte sich die Europäische Union in Gelassenheit üben, ihre Position durch mehr politische Zusammenhält stärken und möglichst viele Kontakte zum Trump-Team knüpfen. Belehrungen, Beschimpfungen oder das Stellen von Bedingungen – wie vielfach zu hören – sind dabei kontraproduktiv. Denn solche Äußerungen ändern nichts, sie vergiften nur das Klima. Die USA werden unter Trump einen neuen politischen Kurs einschlagen. Daran müssen sich die Europäer gewöhnen. Die amerikanischen Wähler haben es so gewollt.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)