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Kritische Berichte und Bücher über Donald Trump gibt es reichlich. Dem US-Präsidenten haben sie bislang nicht ernsthaft geschadet. Das könnte bei den jüngsten Enthüllungen des vielfach ausgezeichneten Bob Woodward anders werden. Sie schildern besonders chaotische und gefährliche Zustände im Weißen Haus.

Trump kommt damit in Erklärungsnot. Denn Woodward ist nicht irgendwer. Seit Jahrzehnten gilt er als einer der besten Kenner der politischen Szene in den USA. Zusammen mit seinem Kollegen Carl Bernstein brachte der legendäre Reporter den damaligen Präsidenten Richard Nixon in der Watergate-Affäre zu Fall. Kurz: Woodwards Wort zählt in Washington. Und bei vielen Wählern. Entsprechend nervös müssen Trump und sein Team jetzt sein.

Keine Frage, die Schilderungen von Unfähigkeit und Dummheit des Präsident sowie der Sabotage durch engste Mitarbeiter sind beängstigend. Sie dürften auch Trumps treueste Anhänger nachdenklich stimmen – sofern sie ihnen glaubwürdig erscheinen.

Und genau hier wird es für Trump brisant. Denn erstens bürgt der Name Woodward für eine saubere Recherche. Und zweitens werden nicht etwa Gegner oder Feinde des Präsidenten als Quelle genannt sondern Personen aus seiner engsten Umgebung. Diese stehen naturgemäß auch Trumps Anhängern nahe. Außerdem dürften sie keinerlei Interesse haben, ohne Not den Mann bloß zu stellen, der sie ins Zentrum der Macht berufen hat.

All dies zusammen bietet reichlich politischen Sprengstoff vor den so wichtigen nationalen Zwischenwahlen Anfang November. Kippt bis dahin die Stimmung im Trump-Lager, ist plötzlich wieder alles möglich – bis hin zu einem Mehrheitswechsel im Kongress und einem anschließenden Amtsenthebungsverfahren.

Positiv an all dem ist, wie mutig und pflichtbewusst hochrangige Mitarbeiter im Weißen Haus versuchen, in einer äußerst bedrückenden Situation das Schlimmste für ihr Land zu verhindern. Sie stellen dabei das nationale Interesse über die Person des Präsidenten und riskieren damit bewusst ihre eigene Karriere. Diese bürokratische Notwehr aus Staatsräson ist vorbildlich. Sie zeigt, wie lebendig und tief verwurzelt – trotz allem – die demokratischen Werte im politischen Washington weiterhin sind.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)