Die Anhänger von Donald Trump dürften sich die Augen reiben. Im Wahlkampf hatte er ihnen noch härtere Foltermethoden bei Terroristen, das Ende des Klimaschutzvertrages und die Einsetzung eines Sonderermittlers gegen Hillary Clinton versprochen. Wut und Aggressivität gegen das Establishment führten ihn zum Wahlsieg. Und jetzt klingt alles ganz anders, viel vorsichtiger und mehrdeutiger.

Hat Trump die Wähler bewusst über seine wahren Absichten getäuscht? Wohl eher nicht. Vermutlich dürfte der Milliardär selbst keine Vorstellung gehabt haben, was er eigentlich im Weißen Haus machen könnte und müsste. Diese Unbedarftheit des künftigen US-Präsidenten ist erschreckend. Denn so positiv der jüngste Wandel im Ton auch sein mag, das Pendel kann jederzeit wieder in die andere Richtung ausschlagen. Trump bleibt für jede Form von Überraschungen gut – leider auch für die unvernünftigen und bösen.

Noch bewegt sich der künftige Präsident in einem politisch geschützten Bereich. Schmerzhafte Entscheidungen muss er nicht treffen, jede Äußerung kann am nächsten Tag ohne größere Folgen revidiert oder relativiert werden. Nach der Amtsübernahme ist diese Übergangsphase vorbei. Dann muss Trump Farbe bekennen. Die vielen sozial Abgehängten und Wutbürger, denen er das Blaue vom Himmel versprochen hat, wollen Ergebnisse in ihrem Sinne sehen. Fühlen sie sich hintergangen, dann wird es bitter für einen Präsidenten, der bis unter die Haarspitzen eitel ist und seinen Gesprächspartnern gerne nach dem Mund redet.

Gleichwohl ist es immer noch leichter, die Wut frustrierter Anhänger zu ertragen als den Versuch zu starten, die kruden Thesen des Wahlkampfs eins zu eins in praktische Politik umzusetzen. Denn das müsste in ein Desaster für ihn persönlich, seine Partei und die Nation insgesamt führen. Trump wird nur dann einigermaßen erfolgreich regieren können, wenn er die tatsächlichen Gegebenheiten in den USA und in der übrigen Welt angemessen berücksichtigt. Dazu gehören viele Punkte, bei denen er sich zuvor anders positioniert hat – siehe Klimaschutz oder Folter. Doch auch für Trump gilt: Besser spät umkehren als gar nicht.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)