Keine Frage, die jüngsten Attacken des türkischen Präsidenten Erdogan gegen Deutschland sind perfide und skandalös. Für die Bundesregierung stellt sich die schwierige Aufgabe, darauf klug zu reagieren. Ungleich wichtiger ist jedoch, was die Bürger am Bosporus zu diesem Konfrontationskurs ihres Staatschefs im April am Tag der Volksabstimmung sagen.

Erdogan baut momentan eine politische Mauer zur freien Welt. Wollen die Türken da wirklich mitmachen? Sehen sie ihre Zukunft tatsächlich an der Seite von autoritären Staaten wie Russland und Iran? Es fällt schwer, dies zu glauben. Denn die Folgen für demokratische Freiheiten, Wohlstand und Lebensstil sind weitreichend. Auch für viele in Deutschland lebenden Türken könnte es dann deutlich schwieriger werden, Gefühle und Loyalitäten zwischen der alten und der neuen Heimat für sich in Einklang zu bringen. Denn niemand kann zugleich mit vollem Herzen eine Diktatur und eine Demokratie unterstützen.

Der politische Pulverdampf der vergangenen Tage ist gefährlich. Er droht den türkischen Wählern den Blick für den wahren Gegner zu verstellen. Dieser sitzt nicht in Berlin, auch wenn Erdogan und seine Minister momentan diesen Eindruck erwecken wollen. Vielmehr fühlt sich Deutschland den Menschen am Bosporus traditionell eng verbunden. Diese Freundschaft wird von Berlin nicht im Frage gestellt. Im Gegenteil, deutsche Politiker versuchen derzeit nach Kräften, Brücken zu bauen und Gräben zuzuschütten.

Die Hauptbedrohung für die Türkei geht vom eigenen Präsidentenpalast aus. Erdogan steuert das Land auf einen Kurs voller Risiken und Gefahren, für den allein er die Verantwortung trägt. Seine wilden Vorwürfe gegen ausländische Politiker und inländischen Gegner – angeblich alles „Terroristen“ – sollen davon ablenken. Leider scheint ihm dies nach außen hin recht gut zu gelingen.

Allerdings könnte die Ruhe für Erdogan trügerisch sein. Zwar hat er prominente Medien und Oppositionelle öffentlich mundtot gemacht. Eine Garantie, dass seine Macht damit unangreifbar wird, ist dies nicht. Darauf deutet seine wachsende Nervosität und Aggressivität im laufenden Wahlkampf für das Verfassungsreferendum hin. Man kann nur hoffen, dass diese Unruhe berechtigt ist und die Türken ihrem Präsidenten in der Wahlkabine einen Strich durch die Rechnung machen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)