Ein Jahr vor der wichtigen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen scheint auch die SPD endlich die wahre Brisanz der AfD für die sozialdemokratische Mehrheitsfähigkeit zu erkennen. Dafür sprechen das neue Strategiepapier von Parteivize Scholz und die Überlegungen von SPD-Chef Gabriel zum Termin der Nominierung des Kanzlerkandidaten.  Eine solche interne Debatte ist überfällig. Denn der wachsende Rechtspopulismus und das Erstarken der AfD sind nicht allein ein Problem von CDU und CSU – auch wenn die spektakulären Attacken von Horst Seehofer gegen die Kanzlerin dies manchmal vermuten ließen.

Die Zeit drängt. Sollten sich die gegenwärtigen Trends verfestigen, droht der SPD ein dramatischer Bedeutungsverlust. Es wäre daher leichtfertig, würde die Parteispitze bloß weiter machen wie bisher. Anprangern und attackieren genügen nicht, um der AfD das Wasser abzugraben. Hier setzt Scholz mit seinem Konzept an.  Er fordert, die Rechtspopulisten inhaltlich zu stellen. Das macht Sinn. Die SPD würde zeigen, dass sie keinen unangenehmen  Themen ausweicht. Auch ließen sich so die AfD-Parolen eher entlarven als durch Attacken in der Holzhammermethode.

Zur großen Nagelprobe kommt es bei der NRW-Wahl. Erlebt die SPD dort ein Debakel, erscheint alles möglich – bis hin zum sofortigen Rücktritt von Parteichef Gabriel. Dazu passen die Berichte, er wolle die Kür des Kanzlerkandidaten bis nach dem Urnengang an Rhein und Ruhr verschieben. Denn im Falle eines Falles wäre es immer noch besser, die SPD hätte wenigsten einen unvorbelasteten Spitzenkandidaten – wenn schon der Vorsitzende das Handtuch werfen müsste.

Ein Offenhalten der Kanzlerkandidatur ist für Gabriel kein parteiinternes Problem. Es gibt niemanden, der ihm gegenwärtig die Merkel-Herausforderung streitig machen könnte oder wollte. Auch die Wähler wissen dies. Für sie ist Gabriel das Gesicht der SPD. Insofern kann  es sich die SPD durchaus leisten, die medienträchtige Kandidatenfrage länger als sonst üblich formal in der Schwebe zu halten. Viel wichtiger ist, dass sich die Sozialdemokraten jetzt auf die Schärfung ihres Markenkerns konzentrieren, die eigenen Leistungen in der Großen Koalition besser herausstellen und vor allem einen neuen Politikstil finden, um möglichst viele enttäuschte und unzufriedene bisherige SPD-Sympathisanten vom Abdriften nach Rechts abzuhalten.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)