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Gesine Schwan und Ralf Stegner sind gewiss ehrenwerte SPD-Mitglieder, aber Hoffnungen auf eine bessere Zukunft dürften wohl die wenigsten Parteimitglieder mit ihren Namen verbinden. Dieses Manko teilen sich Schwan und Stegner mit den meisten anderen Kandidaten für den Parteivorsitz. Ausnahme ist nur Olaf Scholz, der sich entgegen früherer Aussagen nun überraschenderweise doch bewerben will.

Der Bundesfinanzminister ist für einen solchen Posten gewiss fachlich qualifiziert. Doch er genießt keinen großen Rückhalt in der Partei, wie Vorstandswahlen immer wieder gezeigt haben. Möglicherweise wird er jetzt der Not gehorchend trotzdem gewählt. Doch Scholz dürfte es in diesem Fall schwer haben, die Basis zu motivieren und für neue Ziele zu begeistern. Andere SPD-Spitzenpolitiker hätten es da wesentlich einfacher.

Deshalb bleibt es ein Armutszeugnis, dass sich außer Scholz bislang niemand aus der ersten Reihe um die Nahles-Nachfolge beworben hat. Erst machen diese Politiker auf dem Ticket ihrer Partei Karriere, um sie dann in einer Stunde großer Not im Stich zu lassen. Das ist feige und als Signal an die Bürger verheerend. Denn wie kann die SPD noch Zustimmung bei Wahlen erwarten, wenn selbst das eigene Führungspersonal in der aktuellen Krise orientierungslos wirkt und nur noch um persönliche Absicherung bemüht ist?

Natürlich haben etwa Bundesminister wie Hubertus Heil oder Heiko Maas, Ministerpräsidenten wie Manuela Schwesig, Malu Dreyer oder Stephan Weil wichtige und herausfordernde Ämter. Doch das ist kein Grund, dass sie alle nicht kandidieren wollen. Spitzenposten in Staat und Partei gehören in einer Demokratie nun einmal zusammen.

Eine besonders unrühmliche Rolle in diesem Trauerspiel hat ausgerechnet ein Politiker, der lange im Bund als große Hoffnung galt: der Niedersachse Weil. Erst konnte er sich nicht entscheiden, reiste in den Urlaub, um anschließend öffentlich seinen Verzicht auf eine Kandidatur zu verkünden – allerdings in derart verklausulierter Weise, dass weiterhin eine Hintertür offen schien.

Damit behinderte Weil Bewerbungen etwa von Lars Klingbeil und Boris Pistorius, die viel zu lange auf ihren Landesvorsitzenden Rücksicht nehmen mussten. Er hat sich und seiner Partei mit diesem Zaudern und versuchten Offenhalten bis zum letzten Moment einen schlechten Dienst erwiesen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)