Der Wechsel an der SPD-Spitze mag noch so überraschend und schlecht kommuniziert gewesen sein: Dies ist schnell vergessen. Was zählt, sind die Folgen für Wahlkampfstil, Inhalte und Koalitionsperspektiven, die sich durch den prominenten bundespolitischen Neuzugang ergeben.

Schulz hat mehrfach bewiesen, wie gut er auf Menschen zugehen, Kampagnen führen und Konzepte durchsetzen kann. Die Union sollte gewarnt sein. Schulz könnte für Angela Merkel ein deutlich schwierigerer Gegner als Sigmar Gabriel werden. Denn Gabriel poltert häufig und polarisiert. Selbst in der eigenen Partei sind seine spontanen Alleingänge mehr gefürchtet als beliebt gewesen. Das eher mäßige Ergebnis bei der Wiederwahl zum Parteichef spricht Bände.

Ganz anders Schulz. Auch er ist zwar ein Freund deutlicher Worte. Aber Genossen und Wähler wissen stets, woran sie mit ihm sind. Dies gilt zumindest in der Europa- und Außenpolitik. Dort hat Schulz starkes Profil gewonnen, indem er im Konfliktfall Kurs gehalten und dabei trotzdem klare Kante gezeigt hat. Man denke nur an seine Rolle in der Euro- und griechischen Schuldenkrise.

Zugleich wird hier die größte Schwachstelle von Schulz deutlich: seine bisher fast ausschließlich internationale Ausrichtung. Partei und Kanzlerkandidat müssen sich erst noch innen-, sozial- und wirtschaftspolitisch eng miteinander abstimmen. Sonst würde Schulz im Wahlkampf wie abgehoben von der Basis wirken – eine ideale Angriffsfläche für die politischen Gegner. Der geplante SPD-Sonderparteitag muss daher nicht nur personell sondern auch programmatisch die Weichen neu in Richtung Schulz stellen. Das könnte noch einmal spannend werden.

In jedem Fall dürfte es für die SPD mit Schulz leichter sein, nach der Bundestagswahl Gespräche über eine dann eventuell mögliche Koalition unter SPD-Führung zu beginnen. Denn Gabriels polarisierende Art und seine gelegentliche Unberechenbarkeit haben parteiübergreifend viele zweifeln lassen, ob er im Kanzleramt an der für ihn persönlich richtigen Stelle wäre. Anders Schulz. Der bisherige EU-Parlamentspräsident lässt sich – Stand heute – als Chef nahezu jeder denkbaren Dreierkoalition vorstellen. Eben dies macht ihn für Merkel und die Union zu einem so gefährlichen Gegner. Aber es gibt für Schulz viele Stolpersteine. Und bis zur Wahl im September kann ja noch viel geschehen…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)