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Ein Umfragehoch nach dem anderen, zwei populäre Parteivorsitzende, Schlüsselposition bei künftigen Koalitionsmöglichkeiten im Bund: besser könnten die Grünen zu Beginn des neuen Jahres kaum dastehen. Zumindest auf den ersten Blick. Doch all diese positiven Punkte sind nicht in Stein gemeißelt. Am Ende zählen nur die tatsächlichen Ergebnisse an den Wahltagen. Und da könnten den Grünen bereits in 2019 einige schmerzhafte Dämpfer in Ostdeutschland drohen. Insofern gibt es für den Bundesvorstand reichlich Gesprächsstoff auf seiner aktuellen Jahresauftakt-Klausur in Frankfurt/Oder.

Dies betrifft auch die beiden Vorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock. Momentan prägen sie mit ihrem sympathischen Auftreten das öffentliche Erscheinungsbild der Grünen. Eine solch starke Personalisierung bietet zwar die Chance, neue Wählergruppen zu erreichen. Andererseits entsteht dadurch für die Partei eine riskante Abhängigkeit. Stolpern Baerbock oder Habeck, droht ein schmerzlicher Rückschlag.

Speziell Habeck scheint hierfür anfällig zu sein, wie etwa sein verunglücktes Wahlkampfvideo in Thüringen zeigt. Für den Beitrag hat er sich inzwischen entschuldigt. Dies spricht für Habeck, zeigt aber zugleich, wie schmal der Grat seiner Spontanität im Internet-Zeitalter ist. Denn jede sprachliche Fehlleistung kann sich blitzschnell verbreiten und zum GAU entwickeln.

Gleiches gilt für gestohlene Daten. Habeck ist hier zum Opfer geworden. Er will dem durch Abmeldung von Twitter und Facebook begegnen – persönlich nachvollziehbar, aber keine Lösung des generellen Problems. Denn soziale Netzwerke können von jedermann mit Falschem und Illegalen gefüttert werden, nicht nur von den unmittelbar Betroffenen. Mit diesem Risiko müssen Politiker wie Habeck wohl notgedrungen weiter leben.

Umso wichtiger, dass die Grünen jetzt keine strategischen Fehler begehen und auf diese Weise ihre Machtoptionen zusätzlich gefährden. Man denke hier nur an ein mögliches Aus der Großen Koalition, die personellen Veränderungen in der Unionsführung, die neuen Töne von FDP-Chef Lindner in Sachen Jamaika-Koalition. Auf all dies müssen die Grünen in den nächsten Monaten Antworten finden, die die Wähler und die eigene Basis gleichermaßen überzeugen. Wenn dies inhaltlich gelingt, verringert sich auch der persönliche Erwartungsdruck an der Parteispitze – Baerbock und Habeck würde eine solche Entspannung gewiss am meisten freuen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)