Mit dieser Erklärung des DFB-Präsidenten ist die Affäre Özil gewiss nicht ausgestanden. Reinhard Grindel distanzierte sich zwar klar von jeder Form des Rassismus und räumte auch Fehler im Fall des Nationalspielers ein. Das ehrt ihn. Aber weshalb äußerte sich Grindel erst derart spät? Und wie erklärt sich das Schweigen des Bundestrainers und der Teamkollegen zum Vorwurf Özils, er sei nur nach Erfolgen nicht diskriminiert worden? Weshalb steht die „Mannschaft“ in dieser Konfliktsituation nicht menschlich zusammen, wie es ihre PR-getriebene Namensgebung nahelegen müsste?

Augenscheinlich ist bei der Nationalelf in Sachen Solidarität und Integration einiges im Argen – kein gutes Signal an die vielen Jugendlichen und Ehrenamtlichen beim DFB. Dabei kommt gerade den Spitzenspielern eine Vorbildfunktion zu. An ihrem Verhalten orientieren sich Nachwuchskicker. Sie sollen zeigen, wie man mit Talent, Anstrengung und Durchhaltewille zu Erfolgen in Sport und Gesellschaft kommen kann. Und vor allem mit Teamgeist: Zusammenhalt bei Siegen und erst recht bei Niederlagen.

Letzteres ist im Fall Özil fatalerweise in den Hintergrund getreten. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, der jetzt zurückgetretene Nationalspieler sei allein für das klägliche Ausscheiden bei der WM in Russland verantwortlich gewesen. Gewiss, Özil hat schlecht gespielt, aber wohl nicht schlechter als andere Kicker, die sich jetzt öffentlich wegducken.

Kaum ein Wort des Bedauerns über den Rücktritt, kein Zeichen menschlicher Solidarität, kein angemessener Dank der „Mannschaft“ für die großen sportlichen Leistungen des immerhin 92-fachen Nationalspielers und Weltmeisters. Das ist schlechter Stil, der auch auf den DFB insgesamt und seinen Präsidenten Grindel zurückfällt. Denn was nützen die schönsten TV-Kampagnen für Integration und Fair Play, wenn diese Werte in den eigenen Reihen zu wenig gelebt werden.

Natürlich war Özils Fototermin mit dem türkischen Präsidenten Erdogan skandalös und falsch. Gleiches gilt für seine Reaktion auf die entsprechende Kritik. Doch letztlich ist dies nur das persönliche Fehlverhalten eines einzelnen Spielers. Wären der Verband – sprich dessen Präsident – und das Team darauf mit mehr Klarheit und zugleich menschlicher Wertschätzung gegenüber Özil eingegangen, hätte es keine solchen Verwerfungen geben müssen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)