Jeder weiß, dass Sportler in Russland von Offiziellen systematisch gedopt wurden. Jetzt soll dies laut „New York Times“ endlich auch die Chefin der Moskauer Anti-Doping-Agentur Rusada zugegeben haben, was Verband und Kreml allerdings umgehend in Zweifel ziehen. Die entsprechenden Äußerungen von Anna Antseljowitsch seien verfälscht und aus dem Zusammenhang gerissen worden, hieß es in Moskau – die üblichen Formulierungen, wenn man bei Interviews im Nachhinein einen Rückzieher machen will. Über die Wahrheit sagt dies wenig aus, aber viel über die Befindlichkeiten von Interviewten und ihrer Umgebung.

Dabei hätte der Bericht der “New York Times” auch ohne Dementi im Grunde nur bestätigt, was durch den McLaren-Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada längst zweifelsfrei belegt ist. Und wenig neu weil unglaubhaft war auch die zitierte Äußerung, dass die russische Staatsspitze und insbesondere Präsident Putin in die skandalösen Vorgänge nicht eingeweiht gewesen sei. Denn klar ist: Derart brisante Machenschaften mit internationalen Auswirkungen können in einem autoritären System wie Russland nur mit Billigung von ganz oben erfolgen – wie immer die im Einzelnen auch formal ausgesehen haben mag. Alles andere wäre weltfremd.

Doch egal, was die Rusada-Chefin nun tatsächlich gesagt oder gemeint hat: Entwarnung für den russischen Sport kann es in keinem Fall geben: Die weitere automatische Teilnahme an großen internationalen Wettbewerben darf nur bei einem überzeugenden Anti-Doping-Kurs erfolgen. Und der ist leider noch nicht in Sicht, wie auch die Aufregung in Moskau um das im Grunde doch politisch eher harmlose Interview von Anna Antseljowitsch zeigt.

Doping ist kriminell, weil Betrüger die Ehrlichen um den verdienten Erfolg bringen. In fast allen Staaten gab es leider entsprechende Verstöße aber Russland hat es zuletzt auf die Spitze getrieben. Da hilft aus sportpolitischer Warte nur eines: die Besinnung auf den alten Grundsatz von Lenin „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Nur so können Olympisches Komitee und die großen Verbände ihre Pflicht gegenüber den Sportlern erfüllen, saubere und faire Wettbewerbe zu garantieren.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)