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Allen rechtspopulistischen Parolen zum Trotz: Die überwältigende Mehrheit der Deutschen steht zur europäischen Einigung. Dies ist das wichtigste Ergebnis des aktuellen ARD-Deutschlandtrends. Besonders ermutigend wirkt dabei die große Zustimmung zu den weitreichenden Reformvorschlägen des neuen Karlspreisträgers Emmanuel Macron.

Nur für die Bundesregierung und insbesondere die Kanzlerin sind die Ergebnisse der Umfrage wenig schmeichelhaft. So wünschen sich immerhin 58 Prozent der Befragten, dass Angela Merkel mit mehr Leidenschaft für die Europäische Union kämpft – ein Armutszeugnis für die Chefin einer Partei, die sich in der Tradition großer Europäer wie Konrad Adenauer oder Helmut Kohl sieht. Da kann es für Merkel nur heißen: Schnell von Macron lernen und deutlich mehr Engagement für Reformen zeigen.

Lange Zeit galt Frankreich eher als Bremser der europäischen Einigungsbemühungen. In Paris wurde im Zweifel mehr Wert auf die Souveränität der Grande Nation gelegt. Bei der viel zitierten deutsch-französischen Achse war deshalb auch Berlin zumeist der treibende Faktor – inklusive einer weit geöffneten Steuerschatulle zugunsten der EU und damit auch Frankreichs.

Umso erfreulicher, dass nun auf der anderen Seite des Rheins jemand regiert, der fast noch europäischer denkt als die Deutschen. Das ist ein historischer Glücksfall. Ihn zu nutzen, ist Aufgabe dieser Bundesregierung, der sie bislang nur mäßig nachgekommen ist. Denn zumindest nach außen lässt die Berliner Reaktion nichts von der Kraft und Begeisterung spüren, die Macron in Sachen Europa öffentlich ausstrahlt. So mag man ja vom gescheiterten früheren SPD-Chef Martin Schulz halten, was man will: Aber mit ihm im Bundeskabinett oder an der Spitze der Sozialdemokraten wäre eine solch laue Vorgehensweise wohl kaum denkbar gewesen.

In seiner Karlspreisrede sagte der französische Präsident, es brauche eine gemeinsame europäische Vision für die nächsten 30 Jahre. Danach könnten alle gemeinsam auch kleine Schritte zu diesem Ziel gehen. Dies zeigt: Macron will niemanden überfordern. Er lässt alle Spielräume etwa für eine engere und doch gleichzeitig solide EU-Finanzpolitik offen. Man muss ihn jetzt nur beim Wort nehmen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)