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Angela Merkel steht vor ihrer wohl schwierigsten Amtszeit. Dies zeigt allein schon die recht mäßige Stimmenzahl bei der Wiederwahl. Offenkundig gibt es in den Regierungsfraktionen große Skepsis bis hin zu klarer Ablehnung von Person und Programm der alten und neuen Bundeskanzlerin.

Auch die Vorgeschichte der Koalitionsbildung zeigt, wie ungern Union und Sozialdemokraten dieses Mal zusammen gegangen sind. Doch nach dem von der FDP provozierten Scheitern eines Jamaika-Bündnisses blieb ihnen praktisch keine andere Möglichkeit. Von Tatendrang und Optimismus bei den neuen Partnern ist bislang entsprechend wenig zu spüren.

Doch für Selbstmitleid haben die Bürger keinerlei Verständnis. Sie wollen zu Recht harte und gute Arbeit der Kanzlerin und ihres Kabinetts sehen. Denn wenn sich die negative Grundstimmung aus Frust und enttäuschten Erwartungen nicht bald aufhellt, drohen verlorene Jahre – sowohl für Union und SPD als auch für das Land. Das Ergebnis der Kanzlerwahl ist hier ein erstes Warnsignal.

Die Lage für Union und SPD ist nun einmal so wie ist. Sie müssen jetzt das Beste aus dem Wählervotum machen. Und sie haben alle Voraussetzungen dafür: eine volle Staatskasse, die sichere Mehrheit im Parlament sowie eine Mischung aus erfahrenem und aufstrebendem Personal. Von einer solch komfortablen Konstellation können viele andere Koalitionen in Europa nur träumen.

Umso wichtiger, dass Union und SPD aus den Fehlern ihrer bisherigen Zusammenarbeit lernen. Zu abgehoben, ja weltfremd wirkte zeitweise manches Verhalten etwa in der Asyldebatte. Das muss sich ändern. Entscheidend sind dabei nicht neue Gesetze oder weitere soziale Wohltaten – so positiv diese für die unmittelbar Betroffenen auch sein mögen. Noch wichtiger sind mehr Bürgernähe und die Bildung von generellem Vertrauen in die staatliche Verlässlichkeit.

Zu viele Bürger haben sich in den vergangenen Jahren mit ihren Ängsten und gesellschaftlichen Sorgen alleingelassen gefühlt. Allgemeine Politikverdrossenheit, der Ruck nach Rechts und das drohenden Ende von Union und SPD als große Volksparteien sind die unmittelbaren Folgen dieser Entwicklung. Hier die Wende zu schaffen, wird die Hauptaufgabe der wiedergewählten Kanzlerin und ihres Kabinetts sein.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)