Die Antrittsrede von Frank-Walter Steinmeier war fundiert und politisch korrekt. Allerdings hatte man zu oft den Eindruck, hier spricht der bisherige Außenminister und nicht der neue Bundespräsident. Insbesondere die langen Passagen zur Türkei waren stark tagespolitisch geprägt. Dies gilt auch für den sympathischen und berechtigten Appell, den Journalisten Deniz Yücel freizulassen.

Dessen Inhaftierung ist ein Skandal. Allerdings würde selbst Yücels wünschenswerte Freilassung die Türkei nicht über Nacht wieder zum Rechtsstaat machen. Denn was ist mit den Tausenden Richtern, Lehrern, Soldaten und Polizisten, die seit dem Putschversuch entlassen oder ins Gefängnis geworfen wurden? Steinmeier spitzte den demokratischen Verfall der Türkei auf das Schicksal eines einzelnen Journalisten zu. Das ist zwar rhetorisch geschickt und anschaulich, aber die große Linie droht damit etwas verloren zu gehen.

Keine Frage, Steinmeier tritt sein neues Amt in international schwierigen Zeiten an. Als bisheriger Außenminister ist er darauf bestens vorbereitet. Allerdings darf das Schloss Bellevue nicht zu einem zweiten Auswärtigen Amt werden. Steinmeier hat jetzt andere Aufgaben und Themen, um die er sich zu kümmern hat. Die Tagespolitik auch gegenüber der Türkei sollte er getrost Angela Merkel und Sigmar Gabriel überlassen. Sie werden ohnehin in seinem Sinne handeln.

Steinmeier hat jetzt das Amt, das er lange angestrebt hat. Nun fehlen noch die Überschrift und der rote Faden für die kommenden fünf Jahre. Sie muss er in den nächsten Monaten finden, um erfolgreich in die großen Fußstapfen von Joachim Gauck treten zu können.

Für Steinmeier ist dies eine neuartige Herausforderung. Bislang glänzte er in seiner Karriere eher hinter den Kulissen – sei es als Kanzleramtsminister unter Gerhard Schröder oder als Außenminister der Großen Koalition. Große und wegweisende Reden waren da Mangelware. Es zählten stattdessen Verhandlungsgeschick, Beharrlichkeit, Durchsetzungsstärke. All dies braucht auch ein Bundespräsident, doch erst in zweiter Linie. Noch wichtiger sind die Fähigkeiten zu Denkanstößen, zur gesellschaftlichen Integration, zum Reden und Handeln als Hüter der demokratischen Verfassung jenseits aller Parteipolitik. Kann Steinmeier all dies? Möglich, doch er wird in und mit seinem Amt noch wachsen müssen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)