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Recep Tayyip Erdogan führt sich auf, als sei die Türkei eine wirtschaftliche und politische Supermacht. Doch selbst wenn sie dies wäre, hätte er in der momentanen Krise die falschen Rezepte. Denn widerspenstige Märkte können nicht mit harter Hand auf Kurs gebracht werden. Sie verlangen Solidität und Stabilität, Vertrauen und Verlässlichkeit – alles Fremdworte für Erdogan.

Und der jetzt von ihm angekündigte Boykott amerikanischer Elektronikprodukte verschärft die ohnehin schon heftige Krise zusätzlich. Denn die Botschaft des Präsidenten ist klar: Auch künftig keine Kompromisse oder gar Kurskorrekturen. Es gelte vielmehr, Feinde und Saboteure zu vernichten. Sie seien die wahren Schuldigen. Eskalation statt Entspannung, heißt die Devise.

Erdogan hält eisern am Bild des starken Mannes fest, Er möchte unter allen Umständen den Eindruck vermeiden, selbst für die aktuellen Verwerfungen verantwortlich zu sein. Doch ohne Einsicht in eigene Fehlern und Versäumnisse dürfte die Wende nicht dauerhaft gelingen.

Entscheidend sind Reformen und Rückkehr zur Rechtsstaatlichkeit im Innern sowie mehr Kooperation mit den westlichen Partnern, Stichworte Staatsverschuldung und Währungsverfall. Die bisherige Selbstherrlichkeit des Präsidenten ist dabei das größte Hindernis. Sie verhindert, dass sich die Türkei wirksam helfen lässt. Denn Geld von außen – etwa von der EU oder vom IWF – kann nur bei entsprechenden Garantien und Kontrollen fließen. Erdogans Spielraum würde damit zwangsläufig eingeengt. Für ihn scheint dies eine Horrorvorstellung zu sein.

Die europäischen Partner und Freunde sehen diesem Trauerspiel mit Entsetzen zu. Ihnen sind de facto die Hände gebunden, solange Erdogan weiterhin auf ökonomische Unvernunft und politische Unterdrückung setzt.

Vor diesem Hintergrund sollte auch sein geplanter September-Besuch in Deutschland kritisch hinterfragt werden. Dieser darf keinesfalls zu einer Hetz- und Propagandashow des türkischen Machthabers umfunktioniert werden. Denn es wäre fatal, die innenpolitische Krise am Bosporus würde das Verhältnis zwischen den hier lebenden deutsch- und türkischstämmigen Bürgern vergiften. Eine baldige Verschiebung der Visite dürfte daher das Beste sein.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)