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Jeder Jude in Deutschland sollte sich frei und sicher genug fühlen, um öffentlich als Zeichen seiner Religiosität die Kippa zu tragen. Dafür müssen Bürger und Staat mit allen Mitteln sorgen, sprich: dem weiterhin vorhandenen Antisemitismus konsequent durch Zivilcourage im Alltag aber bei Bedarf auch mit Hilfe von Polizei und Justiz entgegen treten. Dies ist nicht nur ein Gebot der grundgesetzlich geschützten Religionsfreiheit, sondern auch eine politisch-moralische Lehre aus den Verbrechen der NS-Zeit. Gerade beim Antisemitismus heißt es: Wehret den Anfängen.

Doch ausgerechnet der für das Thema zuständige Beauftragte der Bundesregierung rät den Juden hierzulande, aus Sicherheitsgründen gelegentlich mal auf ihre traditionelle Kopfbedeckung zu verzichten. Fataler kann ein politisches Signal kaum sein.

Antisemiten in der Bevölkerung wird der Eindruck vermittelt, dass der Staat Juden nicht mehr ausreichend vor Übergriffen schützen könne. Damit dürften sich diese politischen Wirrköpfe plötzlich stärker und wichtiger fühlen, als sie tatsächlich sind. Man müsse nur weiter hetzen und attackieren, dann würde sich der Staat schon noch mehr zurückziehen – so eine für Antisemiten naheliegende, höchst unheilvolle Schlussfolgerung.

Der Beauftragte der Bundesregierung mag aus noch so guten Motiven gehandelt haben, aber mit seinem Appell hat er leider nur die Geister ermuntert, die aus der Vergangenheit nicht lernen wollen. Statt klare Kante zeigen nun doch Kapitulation vor Rassismus? Das Gegenteil ist richtig. Die Devise kann nur lauten: Recht und Gesetz überall strikt durchzusetzen.

Keinesfalls darf ein Jude in Deutschland den Eindruck gewinnen, der Staat lasse im Bemühen um seinen Schutz nach. Ob ihm die getroffenen Maßnahmen dann am Ende persönlich genügen, um mit einer Kippa überall in die Öffentlichkeit zu gehen, kann nur jeder für sich selbst entscheiden.

Allerdings der Staat muss alles dafür tun, dass dieser sichtbare Ausdruck von Religiosität gerne und gefahrlos vom jedem Juden getragen wird, der dies möchte Sonst bleibt ein dauerhaftes Wiedererstarken von jüdischem Leben und jüdischer Kultur in Deutschland ein Wunschtraum. Dies wäre ein beispielloses Versagen vor der historischen Verantwortung angesichts des Massenmords an Juden durch das Nazi-Regime.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)