Bei einem Thema hat es Martin Schulz im TV-Duell geschafft, Angela Merkel kurzzeitig zu überrumpeln: der Türkei-Politik. Sein Plädoyer für einen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen kam auch für die Kanzlerin überraschend. Der SPD-Vorsitzende hatte zwar schon zuvor die Repressionen von Präsident Erdogan scharf kritisiert. Aber die jetzige Stellungnahme geht einen großen Schritt weiter. Ihre Umsetzung in offizielle Politik würde das deutsch-türkische Verhältnis dauerhaft verändern – mit allen Risiken, aber auch Chancen. Man käme endlich los von der längst illusorischen Möglichkeit einer EU-Mitgliedschaft Ankaras und könnte ohne diese historische Hypothek nach neuen Wegen der Partnerschaft suchen.

Doch bevor es dazu kommt, muss Erdogan erst einmal beweisen, dass er überhaupt noch an geordneten und gedeihlichen Beziehungen zur Europäischen Union interessiert ist. Momentan sieht es leider nach dem Gegenteil aus. Seine verbalen Attacken insbesondere gegen Deutschland sind eine einzige Provokation.

Schlimmer noch sind die zahllosen Entlassungen und Inhaftierungen von angeblichen Unterstützern des gescheiterten Putschversuchs. Selbst Bundesbürger sitzen mittlerweile am Bosporus ohne jeden nachvollziehbaren Grund im Gefängnis. Das ist staatlich sanktionierte Geiselnahme. Und eine Regierung, die so willkürlich und menschenverachtend vorgeht, möchte irgendwann mit am Tisch in Brüssel sitzen? Das ist abenteuerlich und absurd.

Schulz hat daraus jetzt die richtige Konsequenz gezogen. Ob ein TV-Duell der passende Ort ist, um einen solch strategischen Kurswechsel zu verkünden, sei mal dahingestellt. An sich gehört so etwas zuallererst ins Parlament. Aber in Wahlkampfzeiten gelten Stilfragen wenig, solange der Vorstoß mehr Stimmen bringt. Doch da sollte sich Schulz keine allzu großen Hoffnungen machen.

Merkel blieb zwar in ihrer ersten Überraschung. noch vage. Aber nach kurzer Zeit bestand der einzige Unterschied zu Schulz nur darin, wie die Türkei praktisch am besten aus Brüssel ferngehalten werden könne. Zu Recht verwies die Kanzlerin dabei auf die notwendige Einstimmigkeit der EU-Regierungen. Aber es gibt keine Zweifel, dass Merkel hier am Ende das Gleiche will wie jetzt Schulz: Eine Europäische Union ohne die Türkei.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)