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Die westliche Empörung über den Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal ist mehr als verständlich. Gleichwohl sind die Sanktionen gegen Russland wenig überzeugend. Erstens ist noch nicht bewiesen, wer genau das Verbrechen in Großbritannien verübt hat. Zweitens dürfte die Ausweisung von Diplomaten kaum geeignet sein, mögliche Moskauer Auftraggeber des Anschlags zu beeindrucken. Sie sind von den Maßnahmen nicht persönlich betroffen.

Und drittens kann die Propagandaabteilung des Kremls jetzt umso leichter behaupten, der Westen sei antirussisch eingestellt – dies erst recht, da die Menschen zwischen Moskau und Wladiwostok momentan keine ausländischen Vorwürfe erwarten, sondern dass mit ihnen um die Brandopfer von Kemerowo getrauert wird.

Letzteres ist von zentraler Bedeutung. Denn Sanktionen machen nur Sinn, wenn sie die Regierung eines negativ handelnden Staates unter Druck setzen. Doch jetzt geschieht das Gegenteil. Der Kreml kann sich angesichts der vielen Toten in Sibirien als mitfühlender Kümmerer inszenieren. Präsident Putin prangert „kriminelle Nachlässigkeit“ und verspricht vor Ort Aufklärung. Das bewegt die Gemüter.

Angesichts der menschlichen Tragödien in Kemerowo wirkt der Fall Skripal für viele Russen eher nebensächlich. Und der Westen zynisch und hartherzig, weil er auch diese Stunde der Trauer mit Maßnahmen gegen den Kreml nutzt. Russland Präsident und sein Volk rücken damit noch näher zusammen – genau das Gegenteil von dem, was die Ausweisung von Diplomaten erreichen sollte.

Auch wenn viele Verdachtsmomente auf eine Verwicklung des Kremls hindeuten – vorrangig ist weiterhin die polizeiliche Aufklärung des Giftanschlags mit dem Ziel, gerichtsfeste Hinweise auf den oder die Täter zu finden. Bis dahin gilt auch im Fall Skripal die Unschuldsvermutung.

Derweil sollte der Gesprächsfaden nach Moskau nicht abreißen, selbst wenn verständlicherweise im Westen neues Misstrauen gegenüber dem Kreml entstanden ist. Nur Zugeständnisse oder gar Vorzugsbehandlungen – ob wirtschaftlich oder sicherheitspolitisch – verbieten sich in einer solchen Phase. Putin bleibt ein schwieriger und problematischer Partner. Doch es gibt gemeinsame Interessen, die eine zumindest kühle Form der Kooperation nahelegen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)