Wolfgang Schäuble ist an seinem 75. Geburtstag beliebter und einflussreicher denn je. Die Lobeshymnen von Kanzlerin und EU-Kommissionspräsident – um nur die wichtigsten zu nennen – sprechen hier Bände. Umso befremdlicher wirkt es, wenn ausgerechnet der keineswegs amtsmüde Schäuble nun in einer künftigen Koalition um sein Amt bangen muss. So hat die FDP als mögliche Partnerin der Union bereits für den Fall einer Regierungsbeteiligung Anspruch auf das Finanzressort erhoben.

Angela Merkel sollte solchen Ambitionen von vornherein eine Absage erteilen. Denn einen besseren Kassenwart als Schäuble könnte die Kanzlerin in einem künftigen Kabinett nicht bekommen. Dies gilt sowohl für den nationalen Bereich, wo der Bund mehrmals hintereinander keine zusätzlichen Schulden machen musste, als auch für den europäischen Sektor.

In Europa stehen in den kommenden Jahren wichtige Weichenstellungen an – Stichworte Griechenlandrettung, Stabilisierung und Ausweitung der Eurozone, Errichtung eines EU-Finanzministeriums. Schäuble ist aufgrund seiner Erfahrung und Expertise bestens dafür geeignet, solche Vorhaben und Reformen klug und besonnen umzusetzen. Und Schäuble bietet persönlich die Gewähr, dass der deutsche Steuerzahler nicht über Nacht mit europäischen Spendierhosen ausgestattet wird.

Manche kritisieren zwar die aus ihrer Sicht übertriebene Sparsamkeit des Ministers. Doch Schäubles solide Haushaltsführung schafft Vertrauen und sorgt für Stabilität. Und sie ermöglicht der Kanzlerin auch schwierige finanzpolitische Kompromisse etwa mit dem neuen französischen Präsidenten Macron gemäß Devise: wenn selbst Schäuble grünes Licht gibt, ist die Sache in Ordnung. Dann kann es später keine bösen finanziellen Überraschungen geben. Denn die Bundesbürger wissen: rechnen und kalkulieren kann ihr Bundesfinanzminister wie kaum ein anderer.

Die FDP ist deshalb wahltaktisch schlecht beraten, bereits jetzt am Stuhl des populären Ressortchefs zu sägen. Und dass die Liberalen 2009 bis 2013 in der damaligen CDU/FDP-Koalition die versprochenen Steuersenkungen nicht durchsetzten, müssen sie sich selbst und nicht Schäuble anlasten. Späte Rache ist kein guter Ratgeber. Außerdem sollten die Liberalen erst einmal die Wahl abwarten, bevor sie sich öffentlich Gedanken über die Postenverteilung machen – sofern sie am Ende überhaupt am Kabinettstisch sitzen sollten.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)