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In den Stunden und Tagen nach der Katastrophe von Notre-Dame hat Emmanuel Macron bewiesen, dass er ein großer Präsident werden kann. Mit Sinn für Geschichte, mit Gespür für die aktuelle Gefühlslage hat er die Sprachlosigkeit der Bürger unmittelbar nach dem Brand in aufrüttelnde Worte gefasst. Und schon einen Tag später richtete er den Blick nach vorn und eröffnete eine Perspektive für den Wiederaufbau der Kathedrale. Damit lässt Macron den Franzosen keine Zeit und keinen Raum, um in Fatalismus oder Resignation zu verfallen. Das ist politische Führung wie aus dem Lehrbuch.

Wie realistisch das Versprechen des Präsidenten ist, Notre-Dame binnen fünf Jahren noch schöner als zuvor aufzubauen, mag dahin gestellt sein. Äußerungen von internationalen Experten lassen eher vermuten, dass die Beseitigung aller Schäden Jahrzehnte dauern könnte. Doch dies ist im Grunde unerheblich. Macrons Aufgabe besteht nicht darin, einen bautechnischen Projektplan zu entwickeln, sondern politisch zu mobilisieren und finanzielle Hilfe zu organisieren. Das ist ihm in hohem Maße gelungen, wie die Hunderte Millionen Euro an bereits zugesagten Spendengeldern beweisen.

Die Franzosen rücken angesichts der Brandkatastrophe zusammen, um in gemeinsamer Anstrengung ein ehrwürdiges Monument ihrer Kultur und Geschichte zu wahren. Zugleich können sie damit ein positives Symbol für die Zukunft schaffen. Denn mit dem Namen Notre-Dame werden künftig auch der Selbstbehauptungswille und die Solidarität der Franzosen verknüpft sein.

Das sollte für die EU ein Ansporn sein, sich ebenfalls in vorderster Reihe beim Wiederaufbau der Kathedrale zu engagieren. Gerade in schwierigen politischen Zeiten braucht die Union für jeden Bürger erkennbare Zeichen und Ziele. Was würde sich dafür besser eignen, als ein verbindendendes und herausragendes Erbe europäischer Geschichte wie Notre Dame in altem Glanz wiederherzustellen?

Die EU könnte sich auf diese Weise auch ein Stück weit vom Ruf befreien, sich in erster Linie um Agrarsubventionen, Flüchtlingszahlen und Finanzmärkte zu kümmern, dabei aber ihre kulturellen und historischen Wurzel allmählich zu vergessen: Zusammenhalt, Frieden und Verständigung in einem gemeinsamen Europa.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)