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Nach den heftigen Einbußen bei der Europawahl müssen Union und Sozialdemokraten nicht nur ihre Inhalte gründlich überprüfen, was schon schwierig und schmerzhaft genug sein dürfte. Auch personell zeigen sich große Probleme. So will Andrea Nahles notgedrungen vorzeitig um den SPD-Fraktionsvorsitz kämpfen. Derweil ist CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer dabei, sich mit Überlegungen zum Thema Internet-Kontrolle politisch um Kopf und Kragen zu reden.

Die Saarländerin erweckte den Eindruck, als wolle sie auf kritische Youtube-Beiträge nicht nur argumentativ sondern auch autoritär antworten – für Kramp-Karrenbauer und die CDU ein Desaster in der Kommunikation mit jungen Menschen, die sich große Sorge um die Folgen des Klimawandels machen. Wer so auf Fragen oder auch polemische Verrisse im Netz reagiert, darf sich nicht wundern, wenn Jugendliche – begleitet von vielen Erwachsenen – zur politischen Konkurrenz abwandern.

Entscheidend bleibt, dass die ehemals großen Volksparteien über aktuelle Probleme in zeitgemäßer Form diskutieren können. Sonst erreichen sie ihre Klientel – sprich alle potenziellen Wähler – nicht mehr ausreichend. Offenkundig gibt es hier beträchtliche Kompetenzdefizite. Es ist die Aufgabe des jeweiligen Führungspersonals, für entsprechende Abhilfe zu sorgen. Dies setzt allerdings die Bereitschaft voraus, alle bisherigen Rede- und Verhaltensmuster der neuen digitalen Welt anzupassen.

Kramp-Karrenbauer scheint ein solches Umdenken schwer zu fallen, wie ihre verunglückten Äußerungen zur Netz-Kampagne zeigen. Damit dürften die internen Zweifel zunehmen, ob sie die tatsächlich die beste Wahl für die Nachfolge von Angela Merkel ist.

Gewiss haben Union und SPD in den letzten Jahren vieles richtig gemacht. Aber dann sollten sie es auch offensiver und pointierter vertreten. Vor allem im Netz. Die Parteien müssen überall dort den Dialog suchen, wo Wähler erreichbar sind. Heutzutage sind dies eben nicht mehr nur Marktplätze, Fernsehauftritte, Hausbesuche, sondern zunehmend auch Youtube, Facebook oder Twitter.

Man mag politische Äußerungen in solchen Internetkanälen als oberflächlich und einseitig empfinden, aber dies ändert nichts an ihrer Breitenwirkung. Die Konsequenz: Wer hier als Politiker zu spät oder gar nicht auftritt, den bestraft der Wähler…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)