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Nur noch zehn Wochen bis zum Brexit, aber Boris Johnson hat immer noch kein Konzept für die Zeit danach. Stattdessen sendet er unterschiedliche Signale an seine europäischen Partner. Einerseits wirbt er in einem Brief an EU-Ratspräsident Tusk mit den bekannten Argumenten für Nachverhandlungen, sucht an diesem Mittwoch in Berlin das Gespräch mit Kanzlerin Merkel, um anschließend noch vor dem G7-Gipfel mit Frankreichs Präsident Macron zu reden. Andererseits verschärft er ausgerechnet vor dieser diplomatischen Charmeoffensive die künftigen Aufenthaltsregeln für EU-Bürger in Großbritannien.

So mag Johnson seine Anhänger auf der Insel bei Laune halten, doch einer Einigung mit Brüssel kommt er damit keinen Schritt näher. Möglicherweise will der Premier dies auch gar nicht mehr. Dafür spricht sein Beharren auf dem vollständigen Paket unrealistischer Maximalforderungen. Dies blockiert eine Lösung des Streits. Denn weshalb sollte die Europäische Union London auf dieser Basis plötzlich entgegenkommen, nachdem zuvor in jahrelangen Verhandlungen etwas ganz vereinbart worden ist?

Hinzu kommt, dass Johnson auch innenpolitisch keine Signale der Entspannung sendet. Im Gegenteil, der Premier und sein Kabinett werden nicht müde, die eigenen Landsleute auf einen harten Brexit einzustimmen. Jedes Zugeständnis an Brüssel könnte da allzu leicht wie ein Verrat an der Sache wirken – für die britischen Austrittsfanatiker eine Ungeheuerlichkeit und für Johnson persönlich ein hochriskantes Spiel mit der eigenen Machtbasis.

Gleichwohl ist es richtig, wenn Merkel, Macron und die übrigen europäischen Repräsentanten gerade in den nächsten Tagen und Wochen möglichst intensiv mit Johnson sprechen. Jeder noch so kleine Schritt, um die praktischen Konsequenzen eines vertragslosen EU-Austritts abzufedern, ist sinnvoll.

Und wer weiß, vielleicht bekommt Johnson aufgrund der persönlichen Treffen mit Amtskollegen ja doch noch in letzter Minute Angst vor der historischen Schuld, die er sich durch einen ungeordneten Brexit auflädt. Das mag nicht realistisch klingen, aber im politischen Chaos von London kann momentan gar nichts mehr ausgeschlossen werden – bis hin zum Einlenken oder auch einer Abwahl Johnsons.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)