Das Massaker von Las Vegas ist selbst für amerikanische Verhältnisse von beispielloser Grausamkeit und Größenordnung. Der Attentäter feuerte auf wehrlose Konzertbesucher, als seien dies keine Menschen sondern billige Pappfiguren. Nicht nur in den USA herrschen Trauer und Entsetzen. Alle fragen sich: Wie konnte das bloß geschehen?

Die Polizei kann darauf lediglich Teilantworten geben. Denn ebenso wichtig ist der laxe Umgang mit Waffen, den die Politiker legal ermöglichen. Sie tragen insofern Mitverantwortung an Massakern wie in Las Vegas. Die jetzigen Beileidsbekundungen aus Washington bleiben daher heuchlerisch, solange die Waffengesetze nicht verschärft werden. Doch dafür gibt es keinerlei Anzeichen.

Fast jeder zweite Amerikaner lebt in einem Haushalt, in dem Revolver und Gewehre vorhanden sind – oft sogar in großer Zahl und mit reichlich Munition. Kontrollen beim Erwerb sind praktisch nicht vorhanden. Vorbestrafte Gewalttäter, terroristische Gefährder, psychisch kranke oder labile Menschen können de facto so viele Waffen horten, wie sie möchten und bezahlen können. Die Grenzen zu Kriegsgerät sind dabei fließend, wie die schnelle Schussfolge des Mörders in Las Vegas zeigte.

Die Waffenlobby zieht seit Jahrzehnten erfolgreich alle Register, damit sich an dieser gefährlichen Aufrüstung nichts ändert. Jeder US-Bürger soll aus ihrer Sicht auch im modernen 21. Jahrhundert persönlich wehrhaft wie ein Cowboy des 19.Jahrhunderts im Wilden Westen sein – ein ideologisch überfrachteter Mythos, der sich an Kinohelden wie John Wayne orientiert und den Herstellern prächtige Profite garantiert.

Als Bollwerk gegen strengere Waffengesetze gilt der zweite Verfassungszusatz aus dem Jahr 1791. Doch hier wäre spätestens nach dem Massaker von Las Vegas ein Umdenken erforderlich. Denn Technik und Gesellschaft haben sich weiterentwickelt. Die Väter der US-Demokratie konnten noch nicht die geringste Vorstellung von (halb-) automatischen Gewehren in Bürgerhand haben, die 50 und mehr Schüsse in der Minute abfeuern können. Dies mindert nicht den juristischen, aber den politisch-moralischen Wert des zweiten Verfassungszusatzes ganz erheblich. Denn was 1791 vielleicht sinnvoll gewesen sein mag, sollte über 200 Jahre später nicht zum Freibrief für potenzielle Amokläufer schlimmsten Kalibers werden können.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)