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Die Reise von Heiko Maas in die Türkei könnte passender und wichtiger kaum sein. Präsident Erdodgan braucht dringend bessere Beziehungen zu Europa, um die Wirtschaft seines Lands und damit zugleich die eigene Macht zu stabilisieren. Deutschland wiederum sorgt sich um die Einhaltung der Menschenrechte am Bosporus, den Zusammenhalt der NATO und nicht zuletzt um die türkische Flüchtlingspolitik.

Außerdem droht im benachbarten Syrien durch den geplanten Sturm auf die Rebellenhochburg Idlib eine weitere humanitäre Katastrophe – möglicherweise die größte des ganzen Krieges. Abschotten, aufnehmen, in die EU durchwinken – für Deutschland hängt innenpolitisch viel davon ab, wie sich Ankara bei einer neuerlichen Massenflucht aus Syrien verhält. Erdogan hat damit ein starkes Druckmittel in der Hand, um Zugeständnisse in Berlin zu erreichen.

Hinzu kommt die enge Verbundenheit, die viele in Deutschland lebende türkischstämmige Bürger zu ihrem Herkunftsland haben. Ein Streit zwischen Ankara und Berlin spiegelt sich schnell im hiesigen Zusammenleben wider.

Umso positiver, wenn Maas jetzt einen atmosphärischen Neuanfang im Verhältnis zu seinem türkischen Amtskollegen findet. Für eine generelle Normalisierung der Beziehungen reicht dies aber bei weitem nicht aus. Unvergessen sind die willkürlichen Inhaftierungen von Deutschen und die Beleidigungen deutscher Politiker durch Erdogan. Dadurch ist viel Vertrauen zerstört worden. Dies kann nicht mit ein paar schönen Gesten und Worten ungeschehen gemacht werden.

Vorrangig ist, dass die Türkei zu rechtsstaatlichen Prinzipien zurückkehrt, ihre politischen Gefangenen freilässt und neuerliche Provokationen im bisherigen Stile Erdogans unterlässt. Ob dies so bald realistisch ist, mag angesichts der aktuellen Führung in Ankara bezweifelt werden.

Doch Abwarten bis zum Idealzustand verbietet sich. Zu groß sind die gemeinsamen Herausforderungen und Interessen – von den Themen Syrien und Flüchtlinge bis hin zu Fragen von Sicherheit, Wirtschaft und Währung sowie dem Schutz deutscher Staatsbürger vor Geiselhaft in der Türkei. Insofern führt kein Weg an nüchternen, geschäftsmäßigen Kontakten vorbei. Außenminister Maas hat ihn mit seiner jüngsten Reise ruhig und angemessen beschritten.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)