Letzte Kabinettsitzung in München als bayerischer Ministerpräsident, 24 Stunden später Ernennung zum Bundesinnenminister: Für Horst Seehofer geht es in diesen Tagen Schlag auf Schlag. Und mit ihm für die Union, in der ein fast gescheiterter CSU-Chef in der Großen Koalition unversehens seinen zweiten – oder je nach Lesart auch dritten – politischen Frühling erlebt. Trotz seines Alters wird Seehofer damit für die Kanzlerin zu einem zentralen Akteur und Hoffnungsträger, dessen Arbeit wesentlich über den Gesamterfolg des Regierungsbündnisses entscheidet.

Nach der systematischen Demontage durch Widersacher in der CSU ist diese politische Wiedergeburt geradezu spektakulär. Markus Söder dürfte sie mit gemischten Gefühlen betrachten. Zwar konnte er jetzt endlich das lang ersehnte Amt des Ministerpräsidenten erreichen. Aber Seehofer ist die Flucht nach vorn gelungen – sprich in die erste Reihe des Bundeskabinetts. Außerdem bleibt er CSU-Chef.

Söder steht damit unter noch stärkeren Erfolgsdruck. Denn Seehofer hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er ihm sein neues Amt nicht gönnt. Einen großen Fehler oder heftige Verluste der CSU bei der bevorstehenden Landtagswahl – und die alten Animositäten dürften wieder offen zutage treten. Das Problem für Söder ist, dass Seehofer dank seiner neuen Rolle in Berlin aus einer Position der Stärke heraus handeln könnte. Voraussetzung hierfür bleiben natürlich inhaltliche Erfolge mit entsprechend wachsenden Popularitätswerten. Doch sie sind durchaus erreichbar für einen so erfahrenen Polit-Profi wie Seehofer.

Stichwort Flüchtlingszahlen und Asylverfahren. Hier kann der Bundesinnenminister neue Wege gehen, um die Ängste vieler Bürger vor Überforderung mit den Ansprüchen von Hilfesuchenden besser in Einklang zu bringen. Seehofers großer Vorteil: Er steht nicht wie andere im Verdacht, manche Probleme mit Migranten bloß schönreden zu wollen. Das erleichtert ihm auf der anderen Seite, auch in konservative Kreisen Kompromisse für eine bessere Integration von Flüchtlingen durchzusetzen.

Viel spricht dafür, dass Seehofer eine solch pragmatische Balance zwischen Sicherheit und Liberalität in der Flüchtlingspolitik anstrebt. Denn der neue Innenminister hat ein feines Gespür für Stimmungen aber auch einen Sinn für das Machbare. Das hat er in Bayern als Ministerpräsident immer wieder bewiesen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)